Kennen Sie das?
Ein Mensch, der Ihnen wichtig ist, sagt etwas, das eigentlich gar nicht besonders dramatisch klingt: „Ich habe das Gefühl, dass du mir nicht richtig zuhörst.“
Und obwohl Sie sich vorgenommen hatten, ruhig zu bleiben, passiert in Ihnen sofort etwas. Vielleicht denken Sie:
„Das stimmt doch gar nicht.“ oder: „Und was ist mit dir?“
Vielleicht beginnen Sie, sich zu erklären oder Ihre Aussage, Ihr Verhalten zu rechtfertigen. Vielleicht werden Sie ärgerlich oder sogar wütend. Vielleicht ziehen Sie sich zurück.
Was in solchen Momenten geschieht, erleben wir in der Mediation immer wieder. Menschen möchten verstanden werden. Doch stattdessen geraten sie in einen Modus, in dem sie sich verteidigen.
Psycholog*innen nennen dieses Verhalten Defensivität.
Was genau ist Defensivität?
Wenn Menschen dieses Wort hören, reagieren sie häufig skeptisch, sie denken an Schwäche und möchten daher nicht als defensiv gelten.
Dabei ist Defensivität zunächst einmal vollkommen menschlich. Sie ist eine Schutzreaktion, eine erlernte Verhaltensstrategie. Immer dann, wenn wir das Gefühl haben, kritisiert, angegriffen oder abgewertet zu werden, versucht unser Inneres, uns zu schützen. Wir erklären uns, suchen Gründe, weisen Vorwürfe zurück oder zeigen auf die Fehler des Gegenübers.
Aus Sicht unseres Nervensystems ist das nachvollziehbar. Doch aus Sicht einer Beziehung ist es häufig problematisch. Denn während wir versuchen, uns selbst zu schützen, verliert unser Gegenüber oft das Gefühl, gehört zu werden. Aus dem Wunsch nach Verständnis entsteht ein Schlagabtausch. Gespräche drehen sich im Kreis. Beide Seiten fühlen sich zunehmend missverstanden.
In der systemischen Arbeit betrachten wir Verhalten eher nicht als Problem, wir sehen die gute Absicht, die mit dem Verhalten, in dem Falle vielleicht Verteidigung, gezeigt werden soll. Die interessanten Fragen in unserer Arbeit sind daher: Wozu dient dieses Verhalten? Wofür ist es nützlich? Wann war/ist es hilfreich?
Defensivität kann für die Person ein Schutz sein vor unangenehmen Gefühlen und Bedürfnissen, wie:
• Scham
• Schuld
• Ablehnung
• dem Gefühl, nicht gut genug zu sein
• dem Verlust von Zugehörigkeit
Je wichtiger uns eine Beziehung ist, desto stärker kann dieser Schutzmechanismus werden. Genau deshalb erleben wir Defensivität oft nicht bei Fremden, sondern bei den Menschen, die uns besonders nahestehen.
Individuelle Schutzstrategien für den Umgang mit Konflikten
Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens und in verschiedenen Situationen unterschiedliche Wege, mit Konflikten umzugehen. Defensivität kann dabei in unterschiedlichen Verhaltensweisen ihren Ausdruck finden.
Typische, beobachtbare Schutzstategien sind:

Keine dieser Strategien ist grundsätzlich falsch. Sie alle sind Versuche, mit Unsicherheit, Stress oder emotionalem Schmerz umzugehen.
Treffen dann jedoch in einer Beziehung oder am Arbeitsplatz unterschiedliche Schutzstrategien aufeinander, können Verletzungen und damit auch Konflikte entstehen. Wenn zum Beispiel eine Person eine andere kritisiert und die andere sich verteidigt, dann kann die Verteidigung wiederum als Ausrede verstanden werden. Und als Reaktion darauf folgt ein noch stärkerer Vorwurf. Daraufhin zieht sich irgendwann eine Seite zurück. In der Folge fühlen sich beide unverstanden, beide leiden. Und beide wünschen sich eigentlich etwas völlig anderes: Verbindung – ein tiefliegendes Bedürfnis von uns Menschen als soziale Wesen.
In der Mediation erleben wir regelmäßig, dass Konflikte nicht deshalb festgefahren sind, weil Menschen nicht miteinander reden wollen. Sondern weil sie sich in ihren Schutzstrategien verfangen haben.

Was sagt die Forschung?
Der renommierte Beziehungsforscher John Gottman beschreibt Defensivität als eines von vier Kommunikationsmustern, die Beziehungen nachhaltig belasten können. Neben Kritik, Verachtung und Rückzug gehört sie zu den Verhaltensweisen, die Konflikte eher verschärfen als lösen. Das Gegenmittel sieht Gottman darin, Verantwortung für den eigenen Anteil zu übernehmen und neugierig auf die Perspektive des Gegenübers zu bleiben.
Auch die Forschung von Guy Bodenmann zeigt, dass nicht das Vorhandensein von Konflikten über die Qualität einer Beziehung entscheidet. Entscheidend ist vielmehr, wie Menschen mit diesen Konflikten umgehen. Paare und Familien, die konstruktive Formen der Konfliktbearbeitung entwickeln, erleben langfristig mehr Stabilität und Verbundenheit.
Um es mit anderen Worten zu sagen: Nicht Konflikte sind das Problem, sondern die Muster, die immer wieder verhindern, dass wir einander wirklich erreichen.
Und dann ist da der Moment, in dem sich etwas verändert… Ein besonders berührender Moment in vielen Mediationen entsteht dann, wenn Menschen ihre eigenen Muster erkennen. Wenn aus Vorwürfen plötzlich Verständnis wird.
Manchmal hält eine Klientin inne und sagt: „Moment mal. Du greifst mich gar nicht an.“ Oder: „Ich dachte die ganze Zeit, du möchtest mir zeigen, was ich falsch mache. Dabei wolltest du mir sagen, wie verletzt du bist.“
Solche Momente lösen nicht sofort jeden Konflikt, aber sie verändern den Blick aufeinander und oft entsteht genau dort der Raum für neue Lösungen. Das geschieht nicht, weil Menschen plötzlich bessere Argumente haben, sondern weil sie beginnen, die Dynamik hinter dem Konflikt zu verstehen.
Wie Mediation dabei helfen kann
Mediation schafft einen sicheren Rahmen, in dem diese Muster sichtbar werden können. Gemeinsam schauen wir nicht nur auf die Inhalte des Konflikts, sondern auch auf das, was zwischen den Beteiligten passiert.
- Welche Auslöser gibt es?
- Welche Schutzstrategien werden aktiviert?
- Welche Bedürfnisse stehen dahinter?
Dabei ist nicht das Ziel, Schuldige zu finden. Vielmehr entsteht ein tieferes Verständnis für sich selbst und für den anderen. Und genau dieses Verständnis ist häufig der erste Schritt zu einer nachhaltigen Lösung.

Ein kleiner Impuls zum Schluss
Vielleicht erinnern Sie sich beim Lesen an einen Konflikt, der Sie gerade beschäftigt.
Dann stellen Sie sich einmal folgende Frage: Wovor möchte ich mich in diesem Moment eigentlich schützen?
Manchmal beginnt genau mit dieser Frage ein Perspektivwechsel. Und manchmal ist dieser Perspektivwechsel der erste Schritt zurück in ein Gespräch, das wieder Verbindung ermöglicht.
Häufige Fragen zum Thema Defensivität
Was bedeutet Defensivität überhaupt?
Defensivität beschreibt eine Schutzreaktion auf gefühlte Kritik, Vorwürfe oder Angriffe. Statt offen zuzuhören, beginnen wir uns zu rechtfertigen, Gegenargumente zu suchen oder die Verantwortung zurückzugeben. Das geschieht meist nicht aus böser Absicht, sondern weil wir uns schützen möchten.
Warum werde ich so schnell defensiv, obwohl ich das gar nicht möchte?
Defensivität läuft häufig automatisch ab. Unser Gehirn reagiert auf Kritik oftmals ähnlich wie auf eine Bedrohung. Dahinter steht meist die Angst, verletzt, abgelehnt oder als „nicht gut genug“ wahrgenommen zu werden. Je wichtiger uns die Beziehung ist, desto stärker können solche Schutzmechanismen werden.
Woran erkenne ich, dass ich defensiv reagiere?
Mögliche Anzeichen sind: Sie rechtfertigen sich sofort. Sie fühlen sich schnell angegriffen. Sie denken: „Das stimmt doch gar nicht.“ Sie lenken auf Fehler des Gegenübers. Sie erklären lange, warum Ihr Verhalten nachvollziehbar war. Oder Sie ziehen sich aus dem Gespräch zurück. Wenn Sie sich bei mehreren dieser Punkte wiederfinden, könnte Defensivität eine Rolle spielen.
Ist Defensivität immer etwas Negatives?
Nein. Defensivität ist zunächst eine normale menschliche Reaktion. Sie zeigt, dass uns etwas wichtig ist und dass wir uns schützen möchten. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie verhindert, dass wir die Sichtweise unseres Gegenübers wahrnehmen oder Konflikte konstruktiv bearbeiten können.
Welche anderen Konfliktstrategien gibt es neben Defensivität?
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Konflikte. Häufig begegnen uns Angriff und Vorwürfe, Rückzug oder Schweigen, Harmonisieren und Nachgeben, Kontrolle und Dominanz sowie Rationalisieren und Vermeiden von Gefühlen. Keine dieser Strategien ist grundsätzlich falsch. Sie alle dienen dazu, mit Unsicherheit oder emotionalem Stress umzugehen. Entscheidend ist, ob sie zu mehr Verständnis führen oder die Distanz vergrößern.
Kann man lernen, weniger defensiv zu reagieren?
Ja. Der erste Schritt besteht darin, die eigenen Muster überhaupt zu erkennen. Wer bemerkt: „Ich verteidige mich gerade“, gewinnt bereits einen Moment Abstand zu seiner automatischen Reaktion. Oft hilft es auch, neugierig zu werden und sich zu fragen: „Was möchte mein Gegenüber mir gerade eigentlich mitteilen?“ oder „Wovor versuche ich mich im Moment zu schützen?“
Wie hilft Mediation bei Defensivität?
In einer Mediation geht es nicht darum, Schuldige zu finden. Stattdessen machen wir die Dynamiken hinter dem Konflikt sichtbar. Viele Menschen erleben dabei einen echten Aha-Moment: Sie erkennen, dass hinter Angriffen oft Verletzungen stehen, hinter Rückzug häufig Überforderung und hinter Defensivität oft der Wunsch, nicht verletzt zu werden. Wenn diese Muster sichtbar werden, verändert sich häufig die Stimmung im Gespräch. Aus gegenseitigen Vorwürfen kann wieder Verständnis entstehen. Und genau auf dieser Grundlage werden nachhaltige Lösungen möglich.
Bedeutet ein Konflikt, dass eine Beziehung gescheitert ist?
Ganz im Gegenteil. Konflikte gehören zu jeder Beziehung. Entscheidend ist nicht, ob Konflikte auftreten, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Oft sind Konflikte sogar eine Einladung, genauer hinzuschauen: auf Bedürfnisse, Erwartungen und unausgesprochene Wünsche. Werden sie konstruktiv bearbeitet, können Beziehungen daran wachsen.
Hinweis zu den Bildern: Einige Illustrationen auf dieser Website wurden mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt. Sie veranschaulichen typische Situationen, Gefühle und Gedanken rund um Konflikte und Mediation und dienen der bildlichen Unterstützung unserer Inhalte. Sie stellen keine realen Personen oder tatsächlichen Fälle dar.







